In meinem Wohnzimmer steht eine wunderschöne sehr alte Lenzkirch-Uhr. Sie schlägt mit vollem Klang jede Viertelstunde. An diesen Klang habe ich mich so gewöhnt, dass ich das Schlagen gar nicht mehr wahrnehme. Aber wenn die Uhr stehen bleibt und der Gong nicht ertönt, da ich vergaß das Uhrwerk pünktlich aufzuziehen, „höre“ ich das sofort, – weil mir dann etwas sehr Wichtiges fehlt.
Diese Uhr begleitet seit meiner Kindheit mein Leben – und doch steht eine sehr wechselvolle Geschichte dahinter. Ich möchte diese hier erzählen:
Meine Mutter, geboren im Jahr 1900, wuchs in Mannheim auf. Ihre Eltern hatten dort ein Immobiliengeschäft. Sie besuchte eine Privatschule und erhielt Geigenunterricht bei einem alten Professor. In seinem Musikzimmer stand eine Kamin-Uhr, die sie immer sehr bewunderte.
Als der alte Mann krank wurde, besuchte sie ihn oft und spielte ihm etwas auf ihrer Geige vor. Zum Dank schenkte er ihr eines Tages diese Lenzkirch-Uhr. Von da an stand sie also im Haus ihrer Eltern. Im Alter von 22 Jahren heiratete meine Mutter meinen Vater und zwei meiner Schwestern wurden in den folgenden Jahren geboren.

Der zweite Weltkrieg begann und viele Bomben fielen auch auf Mannheim. Eine davon traf das große Haus, in dem meine Eltern zusammen mit meinen Großeltern lebten und zerstörte eine Haus-Hälfte. Die andere Hälfte war noch bewohnbar, aber nun suchte mein Vater nach einer Möglichkeit, seine Familie in größere Sicherheit zu bringen. Es gelang ihm schließlich, einen Arbeitsplatz in einem Ort zu finden, der zu dieser Zeit noch weitgehend von Kriegshandlungen verschont war. So zog die Familie nach Westpreußen, wo der Vater eine Stelle als Kaufmann in der Schichau-Werft in Elbing (heute Elblag/Polen) annahm. Dort wurde dann 1942 eine weitere Schwester von mir geboren – und im Jahr 1944 dann ich – als Nachkömmling.
Flüchtlingsströme aus Ostpreußen zogen zu dieser Zeit bereits durch Elbing, aber die Bewohner der Stadt erhielten keine Erlaubnis, den Ort zu verlassen. So konnte sich auch meine Familie nicht wieder auf den Weg zurück in ihre ursprüngliche Heimat in Mannheim machen. Erst im Frühjahr 1945, als dann die Russen in Elbing bereits einmarschierten und die russischen Panzer auf den Marktplatz rollten, wurde die gesamte Bevölkerung aufgefordert, die Stadt zu verlassen.
Es war härtester Winter, minus 22 Grad Celsius. Meine Mutter machte sich mit ihren 4 Töchtern, – ich war gerade ein Jahr alt – auf den gefahrvollen, beschwerlichen, schrecklichen, scheinbar endlosen Weg. Der Vater hatte den Befehl erhalten, zurück zu bleiben und mit anderen Männern die Werftanlagen zu sprengen, damit sie von dem Feind nicht mehr genutzt werden konnten. Er wurde von russischen Soldaten festgenommen und kam in Gefangenschaft.
„Die Uhr ist für mich ein äußerst wertvolles Erinnerungsstück“
Hanna Seipelt

Meine Mutter gelangte mit meinen Schwestern und mir auf vielen Umwegen und unter furchtbaren Bedingungen schließlich im Sommer 1945 nach Oldenburg. Dort gab es viele Einquartierungen von Flüchtlingen zu dieser Zeit. Und auch wir wurden einquartiert in einem Haus in der Huntestrasse. Der alte Hausbesitzer dort starb nach einiger Zeit und wir durften schließlich die ganze Wohnung mieten.
Im Jahr 1948 kam der Vater aus der Gefangenschaft zurück und fand uns über das Rote Kreuz.
Die Uhr ist für mich ein äußerst wertvolles Erinnerungsstück, an dem ich mich sehr freue.
Und wenn mir dereinst die Stunde schlägt, wird sie in den Besitz meiner Tochter übergehen, – die zwar nicht Geige spielen kann, dafür aber wunderschön Querflöte!
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