„Demokratie für die Toten.“
Hinter den Mauern, die die Alexander- und die Nadorster Straße voneinander trennen, liegt der älteste Kirchhof der Stadt verborgen. Auf ihm befinden sich die Gertruden-Kapelle, eine sagenumwobene Linde und 2176 belegte Gräber. Um der Geschichte des St. Gertrudenkirchhofs auf die Spur zu kommen, muss jedoch zunächst bei den Mauern selbst begonnen werden.
Während Friedhöfe in der Antike noch außerhalb der Stadt lagen, wurden sie im Mittelalter zu einem grundlegenden Bestandteil innerstädtischer Lebensräume. Der Grund für die bis dahin anhaltende Auslagerung der Verstorbenen war nicht etwa der Wunsch, sie zu vergessen, oder die Sorge vor Ansteckung, wie zu Zeiten der Pest, sondern das volkstümliche Verständnis von Friedhöfen als Lebensraum der Toten – ein Ort, an dem sich die Verstorbenen sich aufhielten und zu Tänzen versammelten. Die sogenannten Totentänze sind ein in Kunst und Literatur häufig dargestelltes Motiv, das die Macht des Todes über das Leben versinnbildlicht.
Dieser Glaube ging auch mit dem Einzug der Friedhöfe in die Stadt nicht verloren. Um zu gewährleisten, dass die Toten den Lebenden nicht schaden und die Lebenden den Toten nicht zu nahekommen, mussten Maßnahmen ergriffen werden. Zur Lösung dieses Problems wurden innerstädtische Begräbnisplätze daher eingefriedet – das heißt von Mauern umzäunt und so nach außen hin abgegrenzt – und mit einem Tor versehen. So erging es auch dem St. Gertrudenkirchhof.
Zu Beginn seiner Existenz war dieser lediglich ein außerhalb der Stadt gelegener Begräbnisplatz mit einem Siechenhaus, in dem schwer- und unheilbar kranke Menschen gepflegt wurden, das dort stand, wo gegenwärtig das B&B-Hotel steht und zuvor die Disco Renaissance den Oldenburger Bürger:innen Zerstreuung bot.
Um 1400 errichtete man auf ihm die heutige Gertrudenkapelle, um den Kranken die Seelsorge zu ermöglichen. Sie ist, wie der Name verrät, der Heiligen Gertrud von Nivelles, Schutzheilige der Pilger und Patronin der letzten großen Reise (dem endgültigen Abschied vom irdischen Leben), geweiht und wurde erstmals 1428 erwähnt.
Ihr Gewölbe zieren Fresken, die unter anderem Szenen aus der Legende um Gertrud von Nivelles zeigen. Ein Brand im Jahr 1985 beschädigte jedoch die Fresken, die seitdem nur teilweise wiederhergestellt wurden. Die Kapelle bildet seit Jahrhunderten das Herzstück des Kirchhofs, der seine rund 700 Meter lange Mauer Anfang des 17. Jahrhunderts erhielt.
Als Lebensraum der Toten fungierte der städtische Friedhof auch als Begegnungsstätte; selbst in Seuchenzeiten wurde an ihm festgehalten, um den schützenden Raum für die Toten zu wahren und die Gemeinschaft der Lebenden und der Verstorbenen in Ehren zu halten. Doch mit der Aufklärung veranlasste Kaiser Josef II aus Hygienegründen die Verlegung von Friedhöfen vor die Stadt. Den innerstädtischen St. Lamberti Friedhof traf dieses Schicksal im Jahre 1791. Während der Regierungszeit von Herzog Peter Friedrich Ludwig wurde der Friedhof in der Stadt neben der St. Lamberti-Kirche aufgelöst und auf den St. Gertrudenkirchof verlegt. Mit dieser Verlegung ging das Gefühl von Gemeinsamkeit und der Verbindung von Lebenden und Toten – und damit von Leben und Tod – großteilig verloren. Auch oder gerade deshalb hielten viele Bürger:innen an der Vorstellung eines innerstädtischen Friedhofs fest; denn Begräbnistradition zu bewahren bedeutet, seinen Vorfahren ein Stimmrecht einzuräumen. Sie bedeutet „Demokratie für die Toten“.
Daraus ergibt es sich, dass diese Stätte der Trauer zugleich ein Kulturraum ist, in dem Vergangenheit und Gegenwart miteinander in Dialog treten. Wer heute den St. Gertrudenkirchhof betritt, spürt das pulsierende Leben, das ihn umgibt: Pflanzen, Tiere, lebendiges Brauchtum und lebendige Erinnerungen säumen den schmalen Kiesweg, auf dem sich Besucher:innen ihren Pfad durch den idyllischen Friedhof bahnen.
Zahlreich blühende Eisbegonien mit ihrer Symbolik der Ewigen Liebe erinnern daran, wie Liebe über die Zeit hinaus weiterlebt. Die Beerdigungsbräuche im ostfriesischen Raum berichten davon, wie Trauer in Rituale gegossen wird: Tickende Uhren werden angehalten, um die Sterbestunde nicht zu stören, Fenster werden geöffnet, damit die Seele das Haus verlassen kann; und man geht nie den gleichen Weg zurück wie auf dem Weg zum Friedhof, damit sie nicht wieder mit nach Hause kommt. Auch die Beerdigungsrituale der Sinti und Roma werden auf dem St. Gertrudenkirchhof zelebriert. Eine reich verzierte Gruft und Grabschmuck zeugen davon und zeigen die lebendige Vielfalt der Trauerkulturen.

Eisbegonien blühen auf den Gräbern, 2025, © Stadtmuseum Oldenburg/Marisa Komsthöft
Doch nicht nur Traditionen werden hier am Leben erhalten. Auch Mythen und Sagen bleiben lebendig. Betritt man den Kirchhof, wird man nicht umhinkommen, die eindrucksvolle Linde zu bemerken, deren Sage den Ort mit einer tiefen Moral und einer Frage von Schuld und Unschuld verwebt. Die Sage erzählt von einem Hausmädchen, das von einem jungen Mann umworben wurde. Nachdem sie dessen Avancen ablehnte, stahl der Mann Silber und versteckte es in der Kammer des Mädchens. Da Diebstahl die Todesstrafe bedeutete, wurde das Mädchen beim Fund des Silbers zum Tode verurteilt. Auf dem Weg zu ihrer Hinrichtung riss sie einen Zweig von einer Linde ab und pflanzte ihn in den Boden, mit dem Versprechen, dass, sollte der Zweig zu einem Baum heranwachsen, ihre Unschuld bewiesen sei. Auf seinem Totenbett gestand der Mann seine Tat einem Pfarrer. Dieser sagte ihm, er müsse dafür ewig büßen. Der Mann entgegnete dem Pfarrer: „Oh, ewig ist so lang.“ – Worte, die nahe des Eingangstors in die Friedhofsmauer eingelassen wurden und noch heute dort zu lesen sind. Die Linde auf dem St. Gertrudenkirchhof ist ein Ableger des ursprünglichen Baumes, der nach mehreren Jahrhunderten im Jahr 1934 zusammenbrach. Der Ableger, der ein Jahr später an gleicher Stelle gepflanzt wurde, ist heute 80 Jahre alt, ein offiziell anerkanntes Naturdenkmal – ein Baum, der Mythen, Moral und das Schicksal der Lebenden mit dem des Todes verbindet.
Mit dem Wachstum der Stadt wurde der Friedhof über die Jahrhunderte hinweg vom städtischen Treiben umschlungen, sodass er sich heute in der Nähe des Stadtzentrums befindet. Der St. Gertrudenkirchhof ist damit nicht nur eine friedliche Begräbnisstätte, sondern auch der älteste, sich noch immer in Betrieb befindende Friedhof der Stadt; ein Ort, an dem Kunst, Geschichte und Traditionen eine sichtbare Rolle spielen. Die Bäume, die Gräber und die damit verbundenen Bräuche spiegeln die Vielfalt der Stadt wider, in der Trauer, Erinnerung und Kultur eine gemeinsame Geschichte tragen.
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