Spielen verboten!
„Nicht allzu weit von dem heiligen Kreuze entfernt, etwa zwischen Ziegelhofe und dem neuen Friedhofe, lag das Pesthaus. Karten aus dem 17. Jahrhundert verzeichnen es noch. Dann verschwindet es. Und heute weiß kein Geländename mehr von ihm zu erzählen.“
Wovon Emil Pleitner in den 1920er Jahren berichtet, klingt wie der Beginn einer Schauergeschichte. Doch das sogenannte „Pesthaus“ existierte tatsächlich. Zwar lässt sich der exakte Standpunkt nicht rekonstruieren, doch kann man das Gebäude gegenüber dem Neuen Friedhof verorten. Das Feld, auf dem das Pesthaus stand, blieb etwa 300 Jahre lang unbebaut, bis in den 1970er Jahren das Gebäude der Polizeiinspektion errichtet wurde. Im Volksmund trug das Feld den Namen „Pestkamp“ oder „Pestwiese“. Manche Oldenburger:innen wurden sogar als Kinder ermahnt, nicht auf der Pestwiese zu spielen. Was geschah jedoch im Pesthaus und auf der Pestwiese, das die düsteren Namen erklärt?

Rechts Polizeiinspektion am Friedhofsweg, 2025, © Xenia Fink
Die Antwort liegt mehrere Jahrhunderte zurück, als Oldenburg von Wellen der Beulenpest heimgesucht wurde. Erstmals trat die tödliche Seuche im Jahr 1349 in Europa auf. Die Farbe der schwarz-blauen Beulen am Körper der Erkrankten und die hohe Sterblichkeitsrate verliehen ihr auch den Namen „Schwarzer Tod“. Wo im Mittelalter die Ausbrüche der Seuche mit göttlichem Zorn erklärt wurden, fand sich im 19. Jahrhundert die Erklärung: die Erreger wurden durch Stiche von Rattenflöhen, die normalerweise Ratten oder andere Nagetiere befielen, auf Menschen übertragen.
In welchem Ausmaß Oldenburg betroffen war, bleibt wegen Quellenmangel verborgen. Gesichert ist jedoch, dass es mehrere Epidemien bis in das 17. Jahrhundert gegeben hat. Gut belegt ist das Elend, das die Pestwelle von 1667 bis 1669 mit sich brachte. Mindestens ein Zehntel der etwa 4.000 Einwohner Oldenburgs überlebte die anderthalb Jahre wütende Seuche nicht.
Als die Krankheit 1666 in Ostfriesland eindrang, reagierte Graf Anton Günther auf die drohende Gefahr, indem er Pestordnungen in großer Zahl drucken ließ. Darin wurden Maßnahmen festgelegt, die die Verbreitung unterbinden sollten. So verwies man Reisende aus infizierten Gegenden für drei Wochen in „gesunde“ Ortschaften und verlangte amtliche Gesundheitsbescheinigungen für die Einreise. Mitgebrachte Waren sollten sogar sechs Wochen in Quarantäne versetzt werden.
Auch wurde ein Zusammenhang zwischen Hygiene und Infektion erkannt: Anton Günther forderte die Bürgerschaft dringend auf, „sein Wohnhaus von säuischem Unrath“ zu reinigen, da sich das „pestilentialische Gift an keinen Ohrten lieber einschleichet und sich setzet als die stinckend, faul und unsauber seyn“. Tatsächlich entsprachen die Straßen im 17. Jahrhundert nicht unseren modernen Standarts, da Mist sowie Abfälle aller Art häufig vor der Tür deponiert wurden. Ob den Bestimmungen wirklich Folge geleistet wurde, ist unbekannt. Jedoch haben sie die Krankheit nicht aufhalten können: als Anton Günther ein Jahr später im Juni 1667 verstarb, kam es kurz darauf zum ersten Vorfall.

Titelblatt der Pestordnung von Graf Anton Günther, 3. August 1666, © NLA OL Best. 20-21 Nr. 28/3.
Es heißt, ein Soldat hätte sich bei einer Reise nach Bremen infiziert und sei sofort nach Rückkehr in seinem Haus am Stau gestorben. Von da an nahm die „feurige Pestilenz“ ihren Lauf. Als Reaktion darauf wurde der „Pestmeister“ Martin Brauer aus Delmenhorst berufen, der die Kranken anstelle eines Arztes medizinisch versorgte. Auch er wurde einige Monate später zum Opfer seines Berufes.
Flüchtlinge aus den „verpesteten“ Teilen der Stadt lagerten außerhalb der Stadt und boten Reisenden ein Bild der Verzweiflung. Wo Infizierte zunächst in ihren Häusern isoliert blieben, wurden später alle Bewohner und Nachbarn „verseuchter“ Häuser der Stadt verwiesen und alle bereits Erkrankten in das Pesthaus außerhalb der Stadt geschafft. Der Anblick, der sich in Oldenburg bot, muss apokalyptisch gewesen sein: verlassene Häuser, deren Bewohner gestorben oder geflohen sind, vernagelte Fenster und ein fast völliges Stocken von Warenverkehr. Aus Sicherheitsgründen verhängte Bremen eine Sperre über alle Oldenburger Waren auf dem Freimarkt.

Ausgaben für die Pestarmen, 1667, © Stadtarchiv Oldenburg, Bestand 262-1 A Nr. 2745 a/b.
Mit den Krankheitsfällen stiegen auch die nötigen Kosten für die Versorgung der Kranken, insbesondere der Armen der Stadt. Als die Seuche die „besseren“ Teile der Stadt erreichte, floh Graf Anton I. von Aldenburg mitsamt der Regierung nach Delmenhorst. Der einzige, der sich für das Überleben der Bevölkerung in Gefahr begab, war der Pestmeister.

Flurkarte von Oldenburg mit Pesthaus in der Mitte, 1750, © Stadtmuseum Oldenburg, KP 61.
„Pestmeister“ oder „Pestbarbiere“ waren Schlüsselfiguren im Chaos der grassierenden Pest. Sie waren häufig Barbiere, die damit beauftragt wurden, die Kranken zu behandeln. Ein Barbier widmete sich nämlich äußeren Erkrankungen und Wunden, während ein studierter Arzt sich auf innere Krankheiten spezialisierte. Die exakte Vorgehensweise der Behandlung wurde von Medizinern entwickelt.

Plan von Oldenburg um 1598 nach einem Stich von Peter Bast, aus Matthäus Merian & Martin Zeiller, Topographica Westfaliae, 1647, © Stadtmuseum Oldenburg, KP 47.
Dafür, dass der Pestbarbier täglich sein Leben aufs Spiel setzte, wurde ihm ein verhältnismäßig hohes Gehalt gewährt. Er waltete im Pesthaus seines Amtes oder reiste in infizierte Orte, versorgte alle Kranken unabhängig von Gesellschaftsstand und brachte Heilmittel mit sich. Bei ersten Anzeichen von Ansteckung gab der Pestbarbier der kranken Person eine dickflüssige Mischung aus Honig und Heilpflanzen, um Schweiß zu treiben. Kam es zu den typischen Pestbeulen, wurde der Aderlass praktiziert, da nach damaliger Vorstellung die Krankheit durch überschüssiges Blut ein „Ungleichgewicht der Säfte“ im Körper auslöst.
Stellt man sich den Pestbarbier nun als ominöse schwarz gekleidete Figur mit Schnabelmaske vor, entspricht das nicht ganz der Wahrheit. Tatsächlich sind nur wenige Quellen aus Frankreich und Italien überliefert, worin der typische „Schnabeldoktor“ abgebildet ist. Die realistischere Kleidung für Pestmeister im deutschen Raum war enganliegende Kleidung und gelegentlich eine schlichte Haube mit Glaseinsätzen vor den Augen.
Die Pesthäuser, in denen der Pestbarbier waltete, existierten schon vor dem 16. Jahrhundert. Häufig wurden geräumige Häuser wie Gasthöfe und Kapellen gewählt, allerdings musste man gelegentlich auf Holzhütten am Stadtrand ausweichen, die nach Ende der Pestwelle verbrannt wurden. In einigen Städten entwickelten sich die Pesthäuser sogar zu Hospitälern, was in Oldenburg nicht finanziert werden konnte. Das Oldenburger Haus auf der „Pestwiese“ war steinern, mit Dachpfannen gedeckt und ist vermutlich schon im Jahr 1625 auf Anweisung Graf Anton Günthers errichtet worden.
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