Lost Place im Stadtzentrum
Zu Fuß, auf Rolltreppen, auf dem Skateboard – hier konnte man auf viele Weisen unterwegs sein. Was jedoch in den 1970er Jahren noch als fortschrittliche Verkehrsführung galt, ist heute zu einem „Lost Place“ direkt in der Oldenburger Innenstadt geworden. Alles fing in den 1960er Jahren mit der Verbreiterung der Straßenführung der heutigen Straße „Am Stadtmuseum“ an. Am Paradewall begannen damals die Baumaßnahmen, unterteilt in zwölf Etappen. Eine insgesamt 40 Meter breite Straße, inklusive Bürgersteige, sollte gebaut werden und auch der heutige Pferdemarktkreisel wurde komplett erneuert. Diese „Osttangente“ war ausschlaggebend dafür, die Innenstadt autofrei zu gestalten und den Verkehr statt mitten durch die Stadt um sie herum zu führen. Der damalige Oberstadtdirektor Heinz Rathert nannte das Projekt „eine historische Tat der Stadt Oldenburg“.
Um den Autos hier die Vorfahrt zu lassen, mussten Fußgänger in den Untergrund ausweichen. Dafür wurde eine Unterführung mit mehreren Zu- und Ausgängen rund um den Lappan. Über vier Eingänge konnte man drei Meter tief in die Unterführung abtauchen und die circa 100 Meter Wegstrecke überwinden. Doch schon damals gab es auch Kritik am Bau. Zwar sind wir heute den bestehenden Anblick so gewohnt, doch weisen die Treppen nach Unten einen erheblichen Minuspunkt auf. Denn was an allen vier Eingängen fehlte – und damit so gar nicht zur norddeutschen Wetterlage passt – sind Überdachungen. Hingegen sehr fortschrittlich waren die beheizten Rolltreppen. Sie verhinderten, dass im Winter bei Glatteis der Abstieg zur Rutschpartie wurde. So konnten der Auf- und Abstieg möglichst gefahrlos angetreten werden.

Bauarbeiten an der Unterführung: Ein Kran lässt die Rolltreppe für den Einbau hinab, 1967, © Schlossmuseum Jever/Schmidt
Jedoch war der Fußgängertunnel nicht einfach nur eine zweckdienliche Unterführung, sondern ein lebendiger Ort. Insgesamt 49 reich gefüllte Schaufenster, in denen Geschäfte Werbung für ihre Waren machen konnten und ein Kiosk, mit einem Angebot von Schokolade über Bücher bis hin zu Zigaretten, luden zum Flanieren ein. Auch eine WC-Anlage sowie Gepäckschließfächer standen zur Verfügung und an zwei Telefonzellen konnte man in die Oberwelt telefonieren. Schilder sorgten für Orientierung, um den Ausgang zur richtigen Buslinie zu finden.
Zusammen mit der Unterführung eröffnete auch das Parkhaus, damals zugehörig zur Hertie Waren- und Kaufhaus GmbH (später CCO/Core). Bereits 1965 erhielten sie die Genehmigung für den Bau eines Warenhauses mit darunterliegender Tiefgarage. Mit ursprünglich 503 Parkplätzen bot sie Platz für eine Vielzahl von Autos und war damit in einer Zeit, in der immer mehr Leute sich ein Auto zulegten, gern gesehen. Der Untergrund war lebendig.

Nicht lange existierten Treppe und Rolltreppe nebeneinander, so wie hier noch zu sehen, 1981, © Schlossmuseum Jever/Jeddeloh
Der Übergang von der Überquerung zur Unterquerung der Straße fiel den Oldenburger:innen zunächst schwer. Trotz der sicheren Strecke unter Tage und der polizeilichen Anleitung auf Straßenniveau, überquerten Fußgänger:innen weiterhin „wild“ die Straße – der Mensch bleibt ein Gewohnheitstier. Etwas widersprüchlich an der Tunnelnutzung war die nächtliche Schließung der Unterführung. Von 23 Uhr bis 6 Uhr morgens wurden die Tore geschlossen. Grund dafür waren Vandalismus an Vitrinen und Ausstellungsstücken. Wer um diese nächtliche Zeit zu Fuß unterwegs war, musste sich nun doch wieder durch den Autoverkehr bewegen. Gleichzeitig waren hier jedoch die Ampeln abgeschaltet. Dies führte von vielen Seiten zu Kritik – unter anderem durch den Verkehrsausschuss des Rates. Denn was nützt ein solcher Tunnel, wenn er verschlossen ist?

Ein Blick unter Tage: Mithilfe der Beschilderungen fand man den richtigen Ausgang, in Schaufenstern bewarben Geschäfte ihre Waren, 1995, © Schlossmuseum Jever/Schmidt
Mit der Zeit ging das hier entstandene attraktive Großstadtflair jedoch verloren und die Passage wurde zu einem unliebsamen Ort. Die Rolltreppen mussten aufgrund großer Störanfälligkeit ausgebaut werden. Strenger Geruch, die Beengtheit des Untergrundes und Mängel an der Bausubstanz führten zur Schließung des Tunnels für den Publikumsverkehr. Wie passend, dass der Tunnel am 31. Oktober 2008, an Halloween, zum ersten Mal ein „Lost Place“ wurde. Seitdem wurde der Fuß- und Radverkehr wieder gemeinsam an die Oberfläche verlegt. Ein Ampelsystem, das die Fußgänger berücksichtigte, bot den Autos Einhalt und den anderen Verkehrsbeteiligten die Möglichkeit zur sicheren Straßenquerung.
Doch blieb die Unterführung nicht lange ungenutzt. Bereits 2009 wurde sie wieder mit Leben gefüllt. Diesmal jedoch von einer Szene, die es wie keine andere versteht, sich die Stadt als ihre Spielwiese zu Nutze zu machen. Schon seit den 90er Jahren traf man sie im Lappantunnel an, doch erst auf Initiative von Burkhard Schleppegrell wurde beim Tiefbauamt die offizielle Nutzung des Untergrund-Systems angefragt. Es gründete sich der Verein Skateboard Menschen e. V. und in den folgenden Jahren wurde der Tunnel Stück für Stück mit einem Parcours ausgestattet. Auf Launch Ramps, Flatbars, Ledges und anderen Hindernissen, vollführten Skater:innen Stunts und Tricks auf ihren Boards. Ab 2014 gab es hier einen umfangreich entwickelten Parcous, ausschließlich für Skateboards ausgelegt und von Jugendlichen viel genutzt.
In diesem Zeitraffer entstehen die Hindernisse für den Parcours der Skater:innen. Zunächst in Rot, später erstrahlen sie gelb, 2014, © Bernd Schleppegrell
Die ehemaligen Schaufenster verwandelten sich in eine Galerie gefüllt mit Graffiti, die hier legal gesprüht werden durften, und die gelben Hindernisse hellten den Tunnel wieder auf. Erfüllt wurde der Raum vom Rattern der Räder und sicherlich auch dem ein oder anderen Schmerzlaut nach einem Sturz.

Mit viel Liebe zum Detail wurden die gelben Hindernisse im Tunnel aufgebaut. Aus den Schaufenstern wurde eine bunte Galerie, 2014, © Bernd Schleppegrell
Leider ging auch diese Ära zu Ende, nachdem erhebliche Baumängel, sowie Schimmel und eine defekte Elektrik die Nutzung der Fläche nicht mehr zulässig machten. Die Skater:innen mussten gehen, die Türen wurden geschlossen, die Anlage aufgegeben. Dabei gab es vom Verein Skateboard Menschen e. V. Pläne, die auch die Oberwelt mit einbezogen – wie einen Jugendkulturraum für diverse Künste, der Oberhalb des Tunneleingangs hätte Platz finden können.
Nach dem Auszug der Skater:innen aus dem Tunnel veränderte sich das Bild erneut. Die Entwicklungen sind hier deutlich zu sehen. Quelle: YouTube
Und nun? Der Ort ist geschlossen, das unterirdische Leben erloschen. Ganz erloschen? Nein, denn nun, wo das Tunnelsystem zu einem gut gehüteten Geheimnis geworden ist, fühlt sich eine neue Gruppe davon angezogen. Geisterstädte und verlassene Orte üben auf manchen Menschen eine besondere Anziehung auf und locken „Urban Explorer“ an. Sie suchen Orte auf, die lange keiner mehr zu sehen bekam und sind auf der Suche nach einer besonderen Erfahrung. Wer würde nicht gerne nochmal einen Blick hinter die geschlossenen Tore des Lappan-Tunnels werfen und dort Geschichte hautnah erleben? Ganz unwahrscheinlich ist es nicht, dass zumindest die Tiefgarage im Zuge der Sanierung der nördlichen Innenstadt zu neuem Leben erweckt wird.
Das Video von Dr. Exploring auf TikTok im Lappan-Tunnel finden Sie hier.
Ihre Ansprechpersonen

Janna-Katharina Nyul
Wissenschaftliches Volontariat
0441 235-4967
Janna-Katharina.Nyul@stadt-oldenburg.de









