Trendsetter?
In den 1920er und 1930er Jahren wurden im Gangkrieg von New York Straßenzüge mit Symbolen, Schriftzügen und einfachen Zeichnungen versehen, um die von Banden kontrollierten Gebiete zu markieren. Ähnliches geschah in Los Angeles und San Diego zu gleichen Zeit. Als in den 1960er Jahren die Wirtschaftskrise New York erfasste, wurden vernagelte Gebäude, Fabriken und Baustellen zur Leinwand für Kinder und Jugendliche aus ärmeren Stadtteilen, einfache Zeichnungen und Symbole bis hin zu komplexen Murals entstanden auf diese Weise. Bis in die 1970er Jahre bildeten sich aus diesem Umfeld die ersten Protagonisten einer neuen Street-Art-Szene heraus.
Während vereinzelte Akteure bereits Ende der 1960er Jahre in Deutschland als Graffitikünstler in Erscheinung traten (z.B. der Hamburger Peter Ernst Eiffe), trug erst das Buch „Subway Art“ der Fotografin Martha Cooper zu Beginn der 1980er Jahre wesentlich dazu bei, die in New York geprägte urbane Kunstform zur internationalen Anerkennung zu verhelfen.
In Oldenburg kletterte 1984 der Schüler Marius Tegethoff nachts auf sein Fahrrad und begann, seinem damaligen Schwarm Birgit ein Wandbild an der 91er-Straße zu widmen. Der Ort bot mit den Waschbetonplatten eine gut nutzbare Fläche für das Vorhaben und der Schulweg von Birgit führte direkt an der Stelle vorbei. Als Arbeitsmaterial nutzte Marius Autolackfarbe aus Sprühdosen, professionellere Farben standen nicht zur Verfügung. 2022 beurteilen Street Art-Experten das damals Geschaffene durchaus wohlwollend: „Mit dem Material und unter den Umständen: keine schlechte Leistung!“. Der Kunstlehrer seiner Schule, demgegenüber sich Marius als Urheber selbstbewusst aber vertraulich offenbarte, war dagegen eher zurückhaltend und wies pflichtbewusst auf die strafrechtlichen Zusammenhänge hin.
Das Bild selbst mit seiner Aussage „love of my life“ schien die Mitschülerin Birgit aufgrund der doch sehr weit reichenden Aussage damals eher etwas abzuschrecken, eine spätere Freundschaft entstand trotzdem und hält bis heute.

NWZ-Zeitungsbericht zur der Entstehung des Graffitos vom 29.06.2021
Immer wenn der Oldenburger Kunstbauer Michael Olsen Jahre später aus der Ziegelhofstraße kommend mit dem Fahrrad in die Unterführung der 91-Straße einbog, stellte sich ihm die Frage, welche Geschichte hinter dem Graffito stecken mochte. Er versetzte sich gedanklich in Zeiten zurück, als die Oldenburger Jugend im Renaissance an der Alexanderstraße, Etzhorner Krug oder Ede Wolf in Metjendorf in den Diskotheken feierte und tanzte, Hosen mit breitem Schlag trug und der VfB noch in der „Hölle des Nordens“ spielte. Denn dass das Graffito bereits mehreren Jahrzehnten dort existierte, dies war ihm klar.

Michael Olsen und Museumsleiter Steffen Wiegmann vor dem Graffito am 18.06.2021
Von den Vorbereitungen für Bauarbeiten im Jahr 2021 an der Bahnüberführung aufgeschreckt, suchte er Kontakt zu Stadtmuseum und Öffentlichkeit: Das vielleicht erste Graffito Oldenburgs sollte geschützt werden! Da die Waschbetonplatte der Street Art fest in die Überführung verbaut ist und ein Ausbau baulich aufwändige und kostspielige Folgen gehabt hätte, und die Bahn darüber hinaus versicherte, dass ihre Arbeiten nicht die Wand selbst betreffen würden, verblieb das Graffito an Ort und Stelle. Ob die Platte doch noch einmal an anderer Stelle im öffentlichen Raum aufgestellt wird, museal gesichert wird oder an Ort und Stelle verbleibt, ist offen.
In Folge der Zeitungsberichterstattung kamen die Hintergründe des Graffito ans Licht, doch schließlich bleibt eine wichtige Frage offen: Ist „love of my life“ das erste Graffito Oldenburgs?
Falls einem Lesenden ein früheres, noch existierendes Grafitto bekannt ist, freuen wir uns über Hinweise!
Ihre Ansprechpersonen

Dr. Steffen Wiegmann
Leitung Stadtmuseum
0441 235-2882
Dr.Steffen.Wiegmann@stadt-oldenburg.de









