Alles vom Anzug bis zur Zahnbürste
Seit mehr als 100 Jahren shoppen die Menschen aus Oldenburg und Umgebung neben dem Marktplatz an der Ecke Ritterstraße/Mühlenstraße im großen Stil. Ab 1913 bot hier das Kaufhaus Hitzegrad, später Merkur, ein breites Sortiment an. Nachfolger war mit Horten ein noch größeres Warenhaus. Und heute kann man bei Galeria Kaufhof auf mehreren Etagen einkaufen.
Die Kaufhaustradition an diesem Ort begann 1913 mit dem Bau des Warenhauses der Firma Hitzegrad. Das damals größte Geschäft der Stadt bot Textilien, Geschenkartikel, Haushaltsgeräte, Porzellan und mehr an. Das Gebäude war eine zu der Zeit noch ungewöhnliche Stahlbetonkonstruktion. Viel aufregender für die Kund:innen des Kaufhauses waren aber die Personenaufzüge. Sie waren eine besondere Attraktion, waren sie doch die ersten in Oldenburg.
Ab den 1950er Jahren erlebte die Kaufhausbranche mit dem wirtschaftlichen Aufschwung der sogenannten Wirtschaftswunderjahre eine Blütezeit. In diese Zeit fällt auch der Verkauf von Hitzegrad1953 an die Warenhauskette Merkur, die zu der Zeit von der Helmut Horten GmbH übernommen worden war. Unter dem Namen Merkur expandierte das Kaufhaus. Ein Erweiterungsbau und ein Möbelhaus kamen hinzu. Und es gab eine neue Attraktion: die erste Rolltreppe der Stadt.
Der ehemalige Hitzegrad-Gebäudekomplex entsprach in den 1960er Jahren nicht mehr den Vorstellungen der Helmut Horten GmbH von einem „Vollsortiment-Warenhaus modernster Prägung“. Die Kaufhäuser der Kette sollten je nach Größe mit Lebensmittelabteilung, Gastronomie und vorgegebenen Modebereichen ausgestattet werden. Außerdem sollten alle Warenhäuser durch eine einheitliche Fassadengestaltung sofort erkennbar sein. Aus Sicht des Konzerns konnten diese Anforderungen nur durch einen Neubau realisiert werden. So wurde der Bereich zwischen Marktplatz und Mühlenstraße von 1964 bis 1965 vorübergehend zu einer Großbaustelle mitten in der Innenstadt. Neben dem Hitzegrad-Gebäude wurde die restliche kleinteilige Bebauung des historischen Mühlenviertels für den Neubau abgerissen, nachdem bereits 1959/60 ein großer Teil schon rund um den Neubau eines Hallenbades zerstört worden war.

Abbruch des Gebäudes Hitzegrad/Merkur und umliegender historischer Bebauung, 1964, © Stadtmuseum Oldenburg/Sammlung Willy Schröder
Es entstand eine neue Horten-Filiale mit 7.400 Quadratmetern Verkaufsfläche (vorher 2.200 Quadratmeter). Am 15. Juni 1965 öffnete das neue Kaufhaus seine Türen. Neben den an neue Ansprüche angepassten Verkaufsräumen war das Gebäude mit der prägnanten Fassade aus sogenannten „Hortenkacheln“ ausgestattet. Die Form entspricht einem stilisierten „H“ für Horten. In Oldenburg wurden die 50 x 50 Zentimeter großen Kacheln aus Keramik angebracht. Später wurden sie aus Aluminium hergestellt. Heute ist davon nichts mehr zu sehen, denn 2010 wurde die Fassade des Gebäudes neu gestaltet.
Als ab den 1950er Jahren immer mehr Menschen ein eigenes Auto besaßen, wurden Fragen der autogerechten Verkehrsführung und der Parkmöglichkeiten immer drängender. Auch für die Kund:innen, die mit vollen Einkaufskörben aus einem Warenhaus kamen, sollten die Wege zum Auto nicht weit sein. Für Horten in Oldenburg ergab sich die glückliche Situation, dass das gegenüberliegende Druck- und Verlagshaus Stalling in der Ritterstraße gerade dabei war, seinen Betrieb an einen anderen Standort zu verlagern. Der Gebäudekomplex war trotz einer Erweiterung in den 1950er Jahren zu klein geworden. Mit dem Umzug auf ein neues Areal an der Ammergaustraße/Ecke Hochheider Weg endete die Unternehmensgeschichte in der Innenstadt nach über 150 Jahren. Wo vorher das Druck- und Verlagshaus Stalling gewesen war, entstand 1967 das neue Parkhaus für Horten.

Neues Parkhaus Ritterstraße gegenüber von Horten nach dem Abriss des Druck- und Verlagshauses Stalling, 1967, © Stadtmuseum Oldenburg/Wolfgang Meyer
Während noch dringend nach Parkmöglichkeiten für die vielen Autos gesucht wurde, entschied sich die Stadtverwaltung 1967 dazu, in Oldenburg die erste zusammenhängende Fußgängerzone Deutschlands einzurichten. Diese aus damaliger Sicht mutige Entscheidung war nicht unumstritten, sollte doch in der Zeit gerade die individuelle Mobilität mit dem eigenen Auto unterstützt werden. Es dauerte allerdings auch noch bis Ende der 1970er Jahre, bis weite Teile der Innenstadt als Fußgängerzone ausgewiesen wurden (die Kurwickstraße erst 1981). So konnten die Kund:innen von Horten ihr Auto nicht nur im Parkhaus gegenüber, sondern auch direkt auf dem Marktplatz abstellen. Erst ab 1979 wurde aus dem Parkplatz der Marktplatz mit Cafés und Wochenmarkt, wie man ihn heute kennt.
Innenstädte erfahren durch das veränderte Kaufverhalten aktuell große Umbrüche. Die rückläufige Bereitschaft der Menschen in der Innenstadt einzukaufen, der Rückzug von Modeketten aus dem analogen Handel, mehr und mehr leerstehende Geschäfte lassen die Fußgängerzonen und angrenzende Bereiche veröden. Oldenburg steht im Vergleich zu anderen Städten noch gut da, was an der kleinteiligen Struktur, inhabergeführten Geschäften, einem breiten Angebot oder auch der großen Marktkultur liegt. Aber auch Oldenburg ist von den allgemeinen Veränderungen betroffen. Verschiedene Konzepte Leerstände einer Nutzung zuzuführen, werden seit einigen Jahren umgesetzt. Kleinere Start-up-Unternehmen oder kulturelle Projekte beziehen Leerstände und bieten zumindest temporär wieder mehr Anreize sich in der Innenstadt aufzuhalten und dort auch einzukaufen. Die Agentur „Raum auf Zeit“ vermittelt beispielsweise temporär leerstehende Ladengeschäfte zur Zwischennutzung für Ausstellungen, Atelierplätze oder ähnliche Projekte.

Massenandrang zur Eröffnung der Horten-Filiale am 15. Juni 1965, © Stadtmuseum Oldenburg/Günter Nordhausen
In einer wachsenden Stadt wie Oldenburg wird Wohnraum zunehmend knapper. Auch hier rückt die Innenstadt im Hinblick auf eine eventuelle Umnutzung unter anderem von großen Verkaufsflächen wieder stärker in den Fokus. Große Gebäude sind allerdings aufgrund ihrer Grundrisse nicht unproblematisch für eine Umnutzung zu Wohnzwecken. Es fehlt beispielsweise bei den tiefen fensterlosen Flächen an Möglichkeiten, Licht in die Räume zu bekommen. Und nicht zuletzt stehen sowohl im Kontext Einkaufen als auch Wohnen immer wieder die Fragen nach Verkehrsführung und Parken im Raum. Zeiten des Umbruchs bieten Chance und Herausforderung zugleich, neue Modelle zu entwickeln und sie zu erproben, um Innenstädte den gesellschaftlichen Veränderungen anzupassen.
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