Vom Schwarzen Bild zum Heimatschatz
Meine Großeltern väterlicherseits wohnten in den 60er Jahren in einer großen Altbauwohnung ohne Garten mitten in der Oldenburger Innenstadt. Zur Unterscheidung von meinen anderen Großeltern hießen sie Oma und Opa „Stadt”.
Oma „Stadt” war eine leidenschaftliche Spaziergängerin. Und so lief ich als kleines Mädchen immer wieder begeistert mit zum Füttern der Enten, Schwäne und Gänse am Teich im Schlossgarten, wo ein schmuckloses Metallgeländer die kleinen Besucher am Hineinfallen hinderte. Unter der riesigen Krone einer märchenhaften uralten Zwillingsbuche lud eine Bank an diesem Aussichtspunkt zum Verweilen ein.
„Das schwarze Bild wurde plötzlich farbig!“
Kerstin Beyer
Nach dem Umzug der Großeltern in eine kleinere Wohnung fiel mein immer noch kindlicher Blick auf ein schwarzes und damit hässliches Bild, auf dem ich nichts Bekanntes sah. Aus Platzmangel war es hinter der Wohnzimmertür aufgehängt; recht so! Im Laufe der Jahre und den zahlreichen Besuchen bei Oma „Stadt” veränderte sich meine Sicht auf das Bild: Ich erkannte die Lambertikirche und konnte auch die Bildunterschrift und Signatur lesen! Ich fühlte nahezu die Romantik einer noch nicht von der heutigen Straße durchschnittenen Idylle. Das schwarze Bild wurde plötzlich farbig! Aber diese marode Balustrade, kein Metallgeländer…?
Oma hatte das Bild in den frühen Nachkriegsjahren von einem reisenden Künstler erworben (Ein Eintrag bei Wikipedia verweist auf sein Leben). Mit künstlerischer Freiheit und nicht unbedingt maßstabgetreu hat er ein Stück Oldenburg geschaffen, wie es seinerzeit war: Die alten Häuser am Teich umrahmt von der Natur. Mein Lieblingsplatz! Ich habe mich jahrelang nach dieser historischen Balustrade gesehnt (Rekonstruktion 1988). Schmerzlich dagegen war und ist der Verlust der einzigartigen Märchenbuche.
Den Scherenschnitt bekam ich vor 15 Jahren nach Omas Tod. Er steht für meine erste Begegnung mit dem Schlossgarten, Wasservögeln und Wald… Oma „Stadt”s Garten. Meine Wertschätzung gegenüber der Kunst, den Besitz eines Unikats meiner Heimatstadt. Eben mein persönlicher Heimatschatz.

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