Zeichen der Zugehörigkeit
Die Mesusa ist etwa 70 Jahre alt und gehörte ursprünglich meinen Großeltern. In unserer Familienerinnerung ist sie seit den 1960er-Jahren präsent. Entfernte Verwandte schickten sie meinen Großeltern damals aus Israel – als Geschenk und als Zeichen der Zugehörigkeit zum jüdischen Volk. In der Sowjetunion waren entsprechende Ritualgegenstände kaum zu bekommen. Gerade deshalb war diese Mesusa mehr als ein Gebrauchsgegenstand. Sie stand für etwas, das oft nur im Privaten möglich war – die jüdische Identität und Tradition zumindest im Alltag zu bewahren, wenn auch nicht öffentlich. Für meine Großeltern war die Mesusa auch ein sichtbares Zeichen der Mizwa und eine tägliche Erinnerung an jüdische Identität und Verantwortung im eigenen Zuhause.
Vor rund 25 Jahren habe ich die Mesusa aus der ehemaligen Sowjetunion mit nach Deutschland gebracht, als ich selbst hierher zog. Ich erinnere mich gut an die Unsicherheit vor der Grenzkontrolle: Würde man mir unbequeme Fragen stellen – was ist das, woher kommt es, warum nehmen Sie es mit? Am Ende fragte jedoch niemand. Vermutlich wusste man nicht, um welchen Gegenstand es sich handelte. Für mich war es dennoch ein sehr bewusster Moment, denn ich wollte nicht einfach etwas mitnehmen, sondern ein Stück familiärer Kontinuität bewahren.
„Was meine Großeltern bewahrten, begleitet heute unser Zuhause hier.“
Pavel Goldvarg, Vorsitzender der Liberalen Jüdischen Gemeinde Oldenburg e. V.
Das ursprüngliche Pergament (Klaf) mit dem Gebet „Sch’ma Jisrael” ist nicht erhalten geblieben, weshalb ich die Mesusa lange Zeit nicht anbringen konnte. Erst vor etwa 15 Jahren konnten meine Frau und ich auf einer Reise nach Barcelona in der alten Synagoge ein neues, koscheres, handgeschriebenes Klaf für eine Mesusa erwerben. Seitdem erfüllt die Mesusa wieder ihren Zweck – ganz konkret als Mizwa an unserer Tür, zugleich aber auch als Symbol. Was meine Großeltern in einem anderen Land und unter anderen Bedingungen bewahrten, begleitet heute unser Zuhause hier.
Ergänzend zu meinem persönlichen Hintergrund: Ich bin Vorsitzender der im Oktober 2024 in Oldenburg gegründeten und amtlich anerkannten Liberalen Jüdischen Gemeinde Oldenburg e. V. In diesem Kontext erscheint mir die Geschichte der Mesusa nicht nur privat, sondern auch als Teil einer größeren Bewegung. Es geht darum, jüdisches Leben in der Stadt sichtbar zu machen, ohne die Brüche der Vergangenheit auszublenden.
Im Anschluss folgt eine kurze Erklärung der hebräischen Inschriften auf dem Objekt:
- Oben (מזוזה): Die Aufschrift „Mesusa“ bezeichnet den Gegenstand als traditionelles jüdisches Türgehäuse für ein Pergament mit dem Gebet „Sch’ma Jisrael“.
- In der Mitte (שדי): „Schaddai“ ist einer der traditionellen Gottesnamen im Judentum; auf Mesusot dient er als kurze Formel, die in der Tradition als Hinweis auf Gottes Gegenwart und Beistand am Eingang des Hauses verstanden wird.
- Unten (ירושלים): „Jerusalem“ ist ein Verweis auf einen Ort von zentraler Bedeutung für jüdische Geschichte und kulturelles Gedächtnis.

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