Geschichte zum Anfassen
„Briefe haben mich schon immer begleitet.“ Lucas Haasis‘ Faszination hat seine Wurzeln im persönlichen Kreis. Sein Großvater geriet in Kriegsgefangenschaft und schrieb Postkarten an die Familie. Als Lucas im Studium dann Kaufmannsbriefe kennenlernte, hat es ihn endgültig gepackt. So schrieb er seine Doktorarbeit über das Reisearchiv eines Kaufmanns, von dem zahlreiche Briefe erhalten sind. Als Dozent der Geschichte an der Universität Oldenburg arbeitete er im Prize Papers Projekt. Dabei handelt es sich um Kapergerichtsbestände aus der Frühen Neuzeit, ausgestattet mit einem Fundus von mehr als 160.000 Briefen. Und aktuell konzipiert er als Senior Researcher am Deutschen Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven eine Ausstellung über die Bremer Concordia – ein Schiff mit großem Briefbestand.
Es ist vor allem die persönliche, emotionale Ebene der Briefe, die Lucas‘ Forschungsdrang anspricht. So widmet er seine Habilitationsschrift Familienbriefen von Sträflingen an Bord eines Gefangenenschiffes nach Australien – hochemotionale, bewegende Zeugnisse über Zwangsmigration. Die Arbeit als Historiker muss für Lucas über die reine Beschäftigung mit der Vergangenheit hinausgehen, ein Bezug zur heutigen Welt sei wichtig. So traf er beispielsweise die Nachfahrin des Kaufmanns, über den er in seiner Doktorarbeit schrieb und steht bis heute mit ihr in engem Kontakt.

„Briefe haben mich schon immer begleitet.“
Lucas Haasis
Und dieser Aktualitätsbezug ist auch relevant, um Geschichte ansprechend zu vermitteln. Der Brief spielt dabei auch eine haptische Rolle. Briefe aus der Frühen Neuzeit waren mitunter einzigartig gefaltet, um das Briefgeheimnis zu bewahren. Denn das Kuvert ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Faltung und benutztes Papier geben Aufschluss darüber, aus welchem sozialen Kontext der Absender kommt. Geschichte müsse angefasst werden, denn dadurch wird ein Bezug zwischen der Vergangenheit und dem Heute hergestellt. Für welche Art und Weise der Vermittlung man sich dann letztlich entscheidet, ist weniger wichtig – ob spielerisch, über Social Media oder über eine Ausstellung im Museum – „Jeder Weg, der Geschichte in die Gesellschaft trägt, ist ein guter Weg.“
Und so wird ihn der Brief als historisches Medium wohl noch lange begleiten. Die Insassen des Gefangentransports haben in Australien die britischen Strafkolonien mit aufgebaut und einige Familien leben bis heute dort. Im nächsten Jahr wird Lucas sie besuchen und so erneut Vergangenheit und Gegenwart miteinander in Bezug bringen.





